Die 48-Jährige ist seit dem 6. Juli 2011 ein Nervenbündel und nicht mehr arbeitsfähig. Als Beschäftigte der Raststätte Herford-Nord war sie in tiefer Nacht von den beiden Bad Oeynhausenern mit vorgehaltener Waffe überfallen worden. Davon hat sie sich nicht erholt. Sie betritt den Gerichtssaal und setzt sich. Weint, zittert. Und lässt die beiden Angeklagten nicht eine Sekunde aus den Augen.
"Ich habe nur zwei dunkle Gestalten gesehen, die mich mit bedroht haben. Ich konnte genau in den Lauf der Waffe sehen", sagt die Herforderin, die von Ulrike Holtkamp-Thiele von der Frauenberatungsstelle Herford sowie von ihrer Anwältin Margarete Bökenkamp begleitet wird. "Ich dachte, dass wärs jetzt. Ich habe mein Leben vor meinem inneren Auge ablaufen sehen. Ich habe nur noch gebetet", hört der den Prozess behutsam führende Vorsitzende Richter Reinhard Kollmeyer, der sich später für die "eindrucksvolle Schilderung" bedankt.
Die Anwältin von Betty S., Christina Peterhanwahr ("Es tut meiner Mandantin leid, sie entschuldigt sich") und der Pflichtverteidiger von Joel V., Ulrich Kraft, sehen sich erstmals zum spontanen Handeln gezwungen. "Daraus wird mein Mandant lernen müssen. Er hofft, dass es Ihnen in Zukunft besser geht", sagt Kraft.
Die Zukunft beginnt in den Augen von Margarete Bökenkamp an diesem Tag: "Jetzt sieht meine Mandantin die Gesichter zu den dunklen Gestalten." Die Anwältin versteht sich in diesem Fall "als Dolmetscherin", die darauf setzt, dass die langfristig krank geschriebene Service-Kraft durch diese Zeugenaussage aktiv wird. Und: "Dass sie aus ihrer absoluten Handlungsunfähigkeit heraus kommt."
Margret S. ist die einzige Nebenklägerin in diesem Verfahren. Neu ist an diesem Freitag aber auch das Verhalten der Beschuldigten. Die versuchen in ihren Stühlen zu versinken, senken die Kopfe, sind sichtlich berührt. Immer deutlicher indes, dass sich der 18-jährige Joel V. mit der zunehmenden Anzahl von Überfällen zum gleichberechtigten Mittäter entwickelt.
Genau das hatte er bei der Befragung durch die Polizeiermittler sowie durch das Gericht abgestritten. Er habe nur, so war zu hören, aus Respekt oder Angst vor Betty S. bei den Raubzügen und Brandstiftungen mitgemacht.
Helfen kann ihm in dieser Situation auch sein Grundschulfreund Christopher S. nicht, der als Zeuge geladen ist und der bei einem Überfall auf eine Aral-Tankstelle in Herford sowie bei einem Brand in Porta Westfalica dabei gewesen ist. Der 17-jährige Schüler verheddert sich in seinen Aussagen. Ob er seine Soft-Air-Pistole vom Tankstellen-Überfall wieder haben möchte", überrascht den Waffennarr Staatsanwältin Dr. Christiane Holzmann. "Gerne, als Erinnerung," antwortet der Schüler, um dann aufgeklärt zu werden, dass bei Straftaten verwendete Waffen von der Justiz nicht herausgerückt werden.
Hilfe darf sich Joel V. in dieser Situation ebenfalls nicht von Dominik S. erwarten, der sich selbst als "bester Kumpel" offenbart und der bei mehreren Taten der "dritte Mann" gewesen war. "Ich habe die Scheibe vom Auto eingeschlagen. Dann wurde der Sitz aufgeschnitten und angezündet. Das war Joel." Gut erinnert sich der Zeuge auch an die gemeinsame Schulzeit: "Wir haben mit dem Lehrer über die Brandstiftungen gesprochen. Nur wir beiden wussten, wer das war."
Da sitzt er, der 18-jährige Zeuge. Ein lila Kapuzen-Shirt trägt er. Es ist die Erinnerung an die Abschlussklasse der Gesamtschule Bad Oeynhausen. Bedruckt mit allen Namen. Auch dem von Joel. Darüber steht der Leitspruch: "Hoch gepokert & alles gewonnen".
Der auf ursprünglich 14 angesetzte und mittlerweile auf elf oder zwölf Verhandlungstage gestraffte Prozess wird Montag fortgesetzt.
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