Donnerstag, 09.02.2012
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31.07.2010
Ausflug in die Unterwelt
Eindrücke aus der Herforder Kanalisation
VON MEIKO HASELHORST

Herford (nw). Draußen regnet´s. Die Worte von Gerhard Altemeier klingen noch in meinen Ohren nach: "Wenn es richtig schüttet, kann der Wasserspiegel da unten schnell auf drei Meter ansteigen", hatte der Chef der städtischen Kanalunterhaltung gesagt. Schwimmen in drei Meter tiefem Abwasser, umwirbelt von Klopapier und Schlimmerem - ungemütlich.

Schaut aus der Röhre: Dietrich Janzen kontrolliert das als "begehbar" geltende Rohr, das Trenn- und Sammelbecken voneinander trennt. Wirklich gehen kann darin niemand. Am Dreck an der Wand ist zu erkennen, wie hoch das Wasser hier oft steht. Fotos: Kiel-Steinkamp

Ginge es uns um Gemütlichkeit, wären wir allerdings ohnehin nicht in die Herforder Unterwelt hinabgestiegen.

Dietrich Janzen und Thomas Graf stehen neben einer Pumpe, die den Dreck in den "Sumpf" an der Säule rotiert. Von dort geht er in das Klärwerk ab.

Dietrich Janzen, Thomas Graf, Alexander Kolb und Gerhard Altemeier stehen auf einer Wiese am Wilhelmsplatz. Die Mitarbeiter der Stadt sind für die Wartung des Herforder Kanalisationssystems zuständig. Mit zwei Haken hebeln sie einen großen Deckel aus seiner Verankerung und leuchten in einen Schacht hinein, der der Einstieg zu einem der 25 Herforder Überlauf-Sammelbecken für Regen- und Abwasser ist. Kaum jemand würde unter der grünen Wiese ein solches Bauwerk vermuten.

Ein Geruch nach Dixi-Klo steigt in unsere Nasen - gelüftet wird dort unten wohl eher selten. "Der Gestank ist nur unangenehm, die verschiedenen Faulgase können aber wirklich gefährlich werden", erklärt Altemeier. Um ihre Konzentration in der Luft ständig zu messen, hängt ein Gerät um Thomas Grafs Hals. "Piep" macht es in regelmäßigen Abständen, sollte irgendetwas faul sein, würde die Taktung schneller.

Wir setzen unsere Helme auf, steigen in die Sicherheitsgurte und begeben uns in die Dunkelheit. Das Odeur wird intensiver, doch Grafs Gerät bleibt ruhig. Mit einer Lampe leuchtet er in den runden Raum. 25 Meter Durchmesser und etwa 1 000 Kubikmeter Fassungsvolumen hat der Raum, im Moment ist er fast leer. Unter unseren Gummistiefeln befindet sich eine mehrere Zentimeter dicke schwarz-braune Schicht. "Fäkalien", sagt Gerhard Altemeier und zuckt mit den Schultern. Seine Stimme hallt nach und ist schwer zu verstehen. Vielleicht will man das auch gar nicht so genau wissen.

An der dunklen Betonwand sitzen kleinste Schimmelpilze, ansonsten halten sich Flora und Fauna hier in Grenzen. Nicht mal Grünspan ist zu entdecken. Kein Licht, keine Fotosynthese, keine Pflanze - so einfach ist das. Selbst die Nacktschnecke, die hier irgendwie hineingeraten ist, besticht durch vornehme Blässe. Am liebsten würde man das arme Tier aus der Sch . . . holen und nach draußen bringen. "Ratten fühlen sich hier unten wohl - manchmal sehen wir hier ganz schöne Kaliber", sagt Altemeier und deutet mit seinen Händen an, was er meint.

Drei Meter im Entengang und braune Handschuhe

"Von dort kommt das Wasser, wenn das Trennbecken 100 Meter weiter nicht mehr damit fertig wird", erklärt Altemeier und zeigt auf ein Rohr von knapp einem Meter Durchmesser, das als "begehbar" gilt. Da dort gerade kein Wasser fließt, versuche ich mich an der Begehung. Nach drei Metern im Entengang gebe ich mit braun besudelten Handschuhen auf und kehre um. Graf und seine Kollegen können sich davor nicht drücken, nach jedem Starkregen müssen sie sicherstellen, dass die Rohre sich nicht mit Unrat zusetzen.

"Wenn Fäkalien lange vor sich hingammeln, besteht Explosionsgefahr", sagt Altemeier. Eine unschöne Vorstellung. In dem runden Raum selbst soll eine spezielle Pumpe dafür sorgen, dass die Masse aus Schmutzwasser und Dreck in Rotation versetzt, in einen Kanal im Zentrum des Bauwerks gespült und von dort ins Klärwerk geleitet wird.

"Wenn man den Tee in seiner Tasse rührt, sammeln sich die Krümel alle in der Mitte", erklärt Altemeier anschaulich, wie der künstliche Strudel mit dem "Teetassen-Effekt" funktioniert - ein Strudel, in den man seinen ärgsten Feind nicht wünscht. Draußen regnet es immer noch. Vor meinem geistigen Auge spielen sich dramatische Szenen ab. "Wir können jetzt wieder an die frische Luft", sagt Altemeier. Niemand hat etwas dagegen.

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Copyright © Vlothoer Anzeiger 2012
Dokument erstellt am 30.07.2010 um 22:25:05 Uhr

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