Donnerstag, 17.05.2012
| Impressum | Kontakt | Sitemap | Newsletter

08.08.2011
Hiroshima und die Vision vom Kranich
Atom-Katastrophe auch nach 66 Jahren noch aktuell / Ehemaliger Chefarzt der Herforder Kinderklinik kämpft engagiert
VON MEIKO HASELHORST

Herford (nw). Verwundert schauten die Bewohner von Hiroshima in den blauen Morgenhimmel des 6. August 1945. Was hatte es mit dem einzelnen B-29-Bomber auf sich, der dort in großer Höhe über ihrer Stadt flog? Kurz darauf war von diesen Menschen nichts mehr übrig. Sie waren verdampft - getroffen von der Hitzewelle einer Atombombe, die 580 Meter über ihren Köpfen explodiert war. Mit ihnen kamen innerhalb weniger Sekunden 45000 weitere Menschen ums Leben. 66 Jahre ist das jetzt her. Alte Kamellen?

Schulterschluss mit einem Vogel aus Papier: Die Ärzte Dr. Winfried Eisenberg (l.) und Dr. Martin Sonnabend. NW-Foto: Bittner

Dr. Winfried Eisenberg hat für diese provozierende Frage zunächst nur ein müdes Lächeln und ein Kopfschütteln übrig. Der frühere Chefarzt der Herforder Kinderklinik engagiert sich seit vielen Jahren beim deutschen Zweig der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Die große Vision: Eine Welt, frei von Atom-Technologie. "Die 45000 Todesopfern am Tag des Abwurfes waren ja nur der Anfang", sagt Eisenberg. "Bis Jahresende waren weitere 100000 Menschen gestorben - ganz zu schweigen von den genetischen Defekten, unter denen die Menschen dort bis heute leiden."

Eisenberg blättert in einer Zeitschrift und schlägt ein Interview mit dem Hiroshima-Überlebenden Hideto Sotobayashi auf. Der japanische Chemiker schildert, wie er den Tag des Abwurfes als Kind erlebt hat, spricht von verkohlten Leichen und verkohlten noch Lebenden, die ihn um Wasser anflehten. "Und das alles für ein Experiment", sagt Eisenberg. "Japan hatte ja quasi schon kapituliert", erläutert Mitstreiter Martin Sonnabend vom IPPNW-Vorstand. "Den Amerikanern ging es nur darum, ihre neue Bombe zu testen." Für sie ist der Abwurf daher ein Massenmord und ein Verbrechen an der Menschheit, zu dem sich die Vereinigten Staaten endlich bekennen sollen.

Sotobayashi spricht im Interview auch von der unzureichenden Unterstützung durch den japanischen Staat und von der sozialen Brandmarkung, die die Opfer bis heute erleben müssen. "Viele Japaner glauben, dass von Strahlenopfern auch eine Strahlengefahr ausgeht", erzählt Sotobayashi von einem nach wie vor existierenden Irrglauben. "Und nach Fukushima wird sich all das wiederholen", sagt er. Für ihn ist jeder Reaktor eine Atombombe, "deshalb hätte man gerade in Japan niemals auf diese Technologie setzen dürfen".

Die vermeintlich friedliche Nutzung von Atomkraft mit allen Risiken bis hin zur ungelösten Frage der Endlagerung ist für Eisenberg und Sonnabend ein großes Thema. "In der Eifel am Fliegerhorst Büchel lagern noch 20 amerikanische Atombomben", sagt Eisenberg. "Deutsche Piloten üben in ihren Tornados den Abwurf." Der 1970 geschlossene Atomwaffensperrvertrag und all die politischen Lippenbekenntnisse zur Abrüstung werden nicht nur in diesem Punkt ad absurdum geführt: So entwickeln die USA "mininukes" und "bunker busters", neue Sprengköpfe werden auch in Russland gebaut. Martin Sonnabend weiß gar von einer Munition zu berichten, die seit dem Golfkrieg 1991 in vielen Konflikten weltweit zum Einsatz kommt.

"Von der sogenannten DU-Munition mit angereichertem Uran hat die Nato allein im Kosovo und in Bosnien 11,5 Tonnen verfeuert", erklärt der Internist und Umweltmediziner. "Sie entfaltet nach dem Einschlag Temperaturen von 3000 Grad." Auch hier verbrennt und verdampft alles in unmittelbarer Umgebung. "Und die radioaktiven Partikel verteilen sich in der Umgebung und werden von jedem eingeatmet", sagt Sonnabend. Schwerwiegende Krankheiten sind die erwiesene Folge. Verdampfende Menschen und tödliche Krankheiten - Hiroshima lässt grüßen.

Dokumenten Information
Copyright © Vlothoer Anzeiger 2012
Dokument erstellt am 07.08.2011 um 22:25:09 Uhr


ePAPER
Wetter in Vlotho
Heute
11°

-2°
Sonne
05:27 Uhr

21:17 Uhr
Regen
30%
Wind
20 km/h
aus W