Jens Kronsbein ist in diesen Tagen nicht zu beneiden. Der Dezernent der Bezirksregierung leitet den Erörterungstermin zur geplanten, 2,3 Kilometer langen Verlängerung der Ostwestfalenstraße an Milse vorbei bis zur Herforder Straße. 1050 Einwendungen von besorgten Bürgern haben er und seine Kollegen dazu bisher bearbeitet. "Damit gehört die L 712n zu den umstrittensten Bauprojekten in Ostwestfalen-Lippe", sagte Kronsbein.
Entsprechend unversöhnlich standen sich die beiden Konflikparteien gegenüber: Auf der einen Seite die Kritiker um den Sprecher der Bürgerinitiative
"L 712n Nicht so", Ulf Blumenstock - und auf der anderen Seite die Vertreter der Planungsbehörden: Stadt Bielefeld und Landesbetrieb Straßen.NRW.
Zudem waren 60 Zuschauer erschienen, darunter offenbar viele betroffene Anwohner. Einer von ihnen: Reinhold Brockmann. Er gehört allerdings nicht zu den Kritikern, sondern zu den Befürwortern des Projekts. "Es gibt nur einen Weg, die L 712n muss gebaut werden", meint er. Ganz anders sieht das Ulf Blumenstock. Er spricht von einer "Fehlplanung, die zu Lasten der Menschen, der Umwelt und der Natur" gehe.
Zwischen den Fronten: Jens Kronsbein von der Bezirksregierung. Und ehe er sich versieht, gerät er selbst in den verbalen Schlagabtausch. Denn Martin Stenzel von den Naturschutzverbänden in Nordrhein-Westfalen wirft ihm vor, geplante Neuregelungen im Naturschutzrecht nicht berücksichtigt zu haben. Zudem fehlten in den Unterlagen "grundlegende Gutachten zu Fledermäusen und Amphibien".
Hauptthema der gestrigen Erörterung waren Lärm und Luftverschmutzungen durch einen möglichen Neubau. Um die angemessen berechnen zu können, muss man wissen, wie viele Autos die neue Strecke benutzen werden. Da sind Zahlen gefragt.
Die lieferte Silke Schwarz von der Beraterfirma IVV aus Aachen. In ihrem Gutachten kamen die Berater zu dem Schluss, dass der Neubau notwendig ist. "Parallelstrecken werden deutlich entlastet", sagt sie. Dadurch könne die Strecke einem erhöhten Verkehrsaufkommen in der Zukunft gerecht werden. Die Bürgerinitiative "L 712n - Nicht so", glaubt nicht daran. Sie hat die Beraterfirma Regio-Consult aus Marburg beauftragt. Deren Geschäftsführer, Wulf Hahn, meint, dass das IVV-Gutachten völlig falsch ist.
Bis zu 20 Prozent weniger Autos hat er nämlich seinen Berechnungen zugrunde gelegt. "Die Untersuchung der IVV erfüllt nicht die methodischen Standards." Straßen.NRW müsse eine neue Studie in Auftrag geben - mit den richtigen Zahlen. Dann könne man nur zu dem Schluss kommen, dass es keinen Bedarf für die Straße gebe.