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29.07.2010
Vor sieben Jahren: Nach Paddeltour auf der Intensivstation
Parallelen zum tödlichen Unglück an der Fischscheuchanlage: Zwei Frauen wären vor sieben Jahren beinahe ertrunken
VON ALINA REICHHARDT

Porta Westfalica-Veltheim (nw). Strom schießt durch den Körper, es zuckt und brennt, die Zähne schlagen aufeinander - Marina und Susanna Frank können sich nicht mehr bewegen, drohen in der Weser zu ertrinken. Dies geschah vor sieben Jahren in unmittelbarer Nähe des Veltheimer Kraftwerks.

Tödliche Gefahr? Die Weser steht im Bereich der Fischscheuchanlage (Kreis) unter Strom. Hier starben am vorigen Freitag ein Mann und ein Hund. Vor sieben Jahren wäre dieselbe Stelle beinahe zwei Frauen zum Verhängnis geworden. Foto: Edwin Dodd

Die beiden Frauen aus Lemgo vermuten, dass sie durch die elektrische Fischscheuchanlage des Unternehmens fast zu Tode kamen. Doch im Kraftwerk wollte man seinerzeit davon nichts wissen. Am vergangenen Freitag sind ein Mann und ein Hund an gleicher Stelle gestorben.

Eigentlich ist dieser 23. Juli ein schöner Sommertag. Am Nachmittag führt der 40-jährige Oliver K. die Hündin "Senta", die seiner Bekannten Nicole Hollmann gehört, an der Weser aus. Die Idylle weicht jäh, als der Vierbeiner vom Ufer aus in der Nähe des Kühlwassereinlaufs des Kraftwerks seinen Durst löschen will. Er stürzt ins Wasser.

Vom Strom gelähmt und dann ertrunken?

Zeugen sagen später, der Hund habe geschrien. Oliver K. folgt dem Labrador-Mischling ins Wasser, versucht das Tier zu retten. "Camper haben mir erzählt, dass auch der Mann vor Schmerzen geschrien hat", sagt Rolf Struck, Platzwart auf dem Campingplatz Weserfreizeit Erder, der ungefähr 80 Meter von dem betroffenen Weserabschnitt entfernt liegt.

Hund und Mann sterben in dem Fluss. Beide werden später etwa zwei Meter von dem Gitter des Kühlwassereinlaufs des Kraftwerks geborgen - nachdem der Strom der Fischscheuchanlage abgestellt wurde.

Als Marina Frank den Unfallbericht in der Zeitung liest, ist für sie klar: Auch Oliver K. und Hund Senta wurden durch den Strom gelähmt und sind daraufhin ertrunken. Sie und ihre Schwägerin Susanna konnten vor sieben Jahren nur mit Hilfe ihres Bruders gerettet werden. Er sei unter Schmerzen bis zur Hüfte ins Wasser gewatet und habe die beiden Frauen herausgezogen. Die zehn anderen Anwesenden hätten sich nicht ins Wasser gewagt, da sie bei der Berührung Schmerzen verspürt hätten. Alle drei verbrachten eine Nacht auf der Intensivstation, Susanna Frank blieb sogar eine ganze Woche im Krankenhaus.

Die Spannung der Fischscheuchanlage lag bei ihrer Genehmigung zwischen 230 und 400 Volt. "Das ist die Normalspannung einer solchen Anlage", sagt Manuel Langkau, der eine Doktorarbeit in Zusammenarbeit mit dem Landesfischereiverband Westfalen-Lippe schreibt und dafür Fischscheuchanlagen prüft. "Diese Spannung kann Fische eigentlich nur erschrecken, bei Fischereigeräten liegt die Spannung höher und selbst dadurch werden die Fische nur betäubt", erklärt er.

"Die haben dann sofort Anwälte eingeschaltet"

Matthias Küßner vom Wasser und -Schifffahrtsamt Minden bestätigt: "Wir haben die Anlage des Gemeinschaftskraftwerkes 1974 genehmigt, damals entsprach sie allen Vorgaben." Trotzdem stehen neben der Anlage Warnschilder mit dem Hinweis auf Lebensgefahr.

Marina Frank und ihre Familie hatten die Stelle vor sieben Jahren mit Gummibooten passiert und ihr Paddel verloren. "Wir bekamen Angst, dass wir in die Anlage gesogen werden könnten, und wollten ans Ufer schwimmen", erinnert sie sich. Vom Gemeinschaftskraftwerk wurde sie dafür später als leichtsinnig dargestellt, ihre Geschichte als unglaubwürdig.

Der Vater von Susanna Frank, der Physikprofessor Matthias Hahn, der an der Universität Göttingen lehrt, nahm Messungen an der Anlage vor und erhielt wesentlich höhere Werte, als vom Kraftwerk angegeben. "Die haben dann aber sofort ihre Anwälte eingeschaltet und einen eigenen Spezialisten die Werte prüfen lassen", erzählt Marina Frank. "Diese Werte waren dann vorschriftsgemäß." Das Unternehmen habe argumentiert, die beiden Frauen hätten sich wohl nur erschreckt. Zu einer Verhandlung kam es nicht.

An diesen Vorfall kann sich Jörg Röthemeier, Mitglied der Kraftwerks-Geschäftsführung, nicht mehr erinnern. "Mit dieser Anlage gab es noch nie Probleme", sagt er, sie entspreche allen Vorgaben. "Über eine Alternative denken wir nicht nach, so lange die Anlage funktioniert", sagt Röthemeier. Wieso Hund Senta und Oliver K. gestorben seien, wisse er nicht, an der Anlage könne es aber nicht gelegen haben.

Staatsanwalt hat Fall abgeschlossen

Die Obduktion hat ergeben, dass der Mann durch Ertrinken starb, die Staatsanwaltschaft Bielefeld hat den Fall bereits abgeschlossen. Auch die Anzeige gegen Unbekannt, die Hundebesitzerin Nicole Hollmann stellte, lief ins Leere. "Zeugen haben die beiden schreien gehört. Stromstöße kann man nach dem Tod nicht mehr nachweisen, da es durch das Wasser ja keine Verbrennung gibt", berichtet sie, was die Ärzte ihr mitgeteilt haben. Weiterklagen will sie aber nicht: "Das bringt uns die beiden auch nicht wieder."

Dokumenten Information
Copyright © Vlothoer Anzeiger 2012
Dokument erstellt am 28.07.2010 um 22:25:05 Uhr
Letzte Änderung am 29.07.2010 um 12:50:52 Uhr

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